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DER DONNER DES BLAUEN EISES - GRÖNLAND 2017 - Teil 1: Kalbende Gletscher und Monster-Eisberge

Andrea | 16.10.2017 | | Greenland

Wir werden es mit den Fotos allein nicht richtig rüberbringen können: Die Monster-Eisberge, das Inland-Eis, die eiskalte Luft. Diese Gefühle, die besonderen Momente, die Stille, diese (Aus)Sichten. Dazu die Landschaften: Rau und erschreckend, wunderschön und einzigartig zugleich. Allesamt bleiben sie aber in unserem Herzen, im Bauch und in unserer Erinnerung erhalten. Wir werden davon zuhause viel erzählen müssen, um dieses intensive Feeling der restlichen Welt irgendwie zu vermitteln.

Die Eisberge drehen sich um. Sie verändern sich ständig. Nichts ist am nächsten Tag so wie zuvor. Es donnert heftig im Gletscher - wie bei einem Gewitter. Die eingeschlossene Luft entweicht im Eis, tiefes Grollen, aber man sieht nichts. Angsteinflößend, unheimlich. In den Fjorden bricht wieder ein grosses Stück vom Eisberg ab und fällt ins Wasser mit großem Getöse, es spritzt in alle Himmelsrichtungen und erzeugt gefährlich hohe Wellen.

Ursprünglich einmal bis zu 1 km dick bleiben sie vor Ilulissat beim Herausschwimmen aus der Diskobucht bei nur 250 m Tiefe hängen, bis sie zusammengeschmolzen sind, so dass sie weiter können, um im weiten Meer einsam zu sterben. Das Eis hier kommt von einem der produktivsten Gletscher der Welt, dem Sermeq Kujalleg. Er „kalbt“ jährlich 35 qkm Eis in den UNESCO-Eisfjord. Er verschmilzt soviel Eis in einem Jahr, dass die USA davon ein Jahr Trinkwasser bekommen würden.

Die riesigen Eisbrocken, die von den Gletscherzungen ins Meer donnern, haben vielerlei Gestalt. Wir sehen unglaubliche Formen: Drachenköpfe, Raumschiffe, Skulpturen, Fantasiegebilde, Quader dreimal so groß wie unser Haus in Deutschland - exakt „geschnitten“. Sie sind manchmal so hoch wie ein 5stöckiges Hochhaus - unglaublich, sie sehen aus wie riesige Schneeberge, sind es aber nicht, sondern bestehen aus purem weißen Eis. Manche sehen aus wie gewaltige Tafeln, andere ähneln bizarren Berglandschaften. Tiefe blaue Spalten, Risse von oben nach unten, teilweise wie mit einem Lineal gezogen, Löcher, Höhlen („Wal-Garagen“). Oft sieht man große Spuren auf dem Eis wie von Tieren. Das können sie aber bestimmt nicht sein. Wir Menschen sind so klein dagegen. Das sie umgebende Fjordwasser sieht an einem Tag aus wie dicke Creme, so sanft und weich.
 

Der Eqip Sermia-Gletscher ist an seiner Abbruchkante bis zu 300 m hoch und 150 m tief unter Wasser, er „kalbt“ im Jahr 45 qkm Eis. 40 Millionen Tonnen Eis schwimmen pro Tag in den Fjord hinein. Wir stehen mit unserem Boot direkt davor: Es kracht und donnert ununterbrochen. Der Fjordsee drumherum ist mit großen und kleinen Eisstücken übersät. Alles scheint still zu stehen. Das Wasser hebt und senkt sich urlangsam. Die Eisstücke bewegen sich im Zeitlupentempo. Es wird einem schwindelig beim Zuschauen. Wir sind die Letzten, die dort im Eqi Camp in einer Comfort Hut mit übergroßem Panoramafenster übernachten. Über Nacht frieren die Wasserleitungen ein. Es gibt im Café Victor ein 3-Gänge-Menü mit Roter Grütze und Schlagsahne als Dessert. Aber waschen oder duschen ist nicht drin.

Die schimmernden Farben auf dem Wasser: tiefazurblau, mint, hellblau, grau, weiss, dunkelgrau, schwarz, in der Abendsonne zart orange, pfirsichfarben und rosa. Oft wild gemixt auf einem „See“. Eine wahre Pastellfarbenschlacht. Superblaue Eisberge in Süd- und Ostgrönland - als hätte man sie von innen angemalt und beleuchtet.

Das eisige Wasser ist genau Null Grad kalt. Das Gletschereis minus 8 Grad. Es gibt weisses, blaues, mintfarbenes, selten auch grünes Eis und glasklares Eis (wiedergefrorenes "Ex"-Eis) - es wird komischerweise „Black Ice“ genannt. Es ist für Schiffe supergefährlich, da man es auf dem Wasser so gut wie nicht erkennen kann und es sehr hart ist.

Wo kommen nur die Farben her?
 
Weiß wie im Bilderbuch

Die meisten Eisberge sind weiß wie im Bilderbuch. Das liegt an der Geschichte, wie die Kolosse entstanden sind. Das Eis der Eisberge bildet sich in den Gletschern auf dem Land aus Schnee, der zusammengedrückt wird. Dabei werden Luftbläschen im Eis eingeschlossen. Sie streuen das Licht sehr stark in viele Richtungen. Die Wirkung der Mischung ist ein gleißend weißer Eisberg.
 
Blau wie der Himmel

Tiefblau schimmert ein Eisberg nur, wenn er sehr wenige Luftbläschen enthält. Diese Tatsache hat mit den Eigenschaften von luftarmem Eis zu tun. Pures Wassereis ist für das sichtbare Licht äußerst durchlässig. Außerdem behält ein Lichtstrahl ohne störende Luftbläschen seine Richtung bei - er geht immer geradeaus. Hinter einer ein Meter dicken klaren Eisschicht könnte man die Sonne noch deutlich erkennen. Bei der Erklärung, warum Eisberge blau sind, kommt es im Kern auf die farbabhängige Schwächung des Lichts an. Wassereis schluckt das sichtbare Licht nämlich je nach dessen Farbe in unterschiedlichem Maße. Rotes Licht wird von Eis am stärksten absorbiert, orangenes weniger, noch weniger grünes, und am wenigsten blaues Licht. Da steckt natürlich System dahinter. Jede Farbe entspricht einer anderen Wellenlänge. Je größer die Wellenlänge ist, desto mehr Licht wird von Eis absorbiert. Gefrorenes Wasser wirkt wie ein ganz schwacher Farbfilter: Die Kolosse schimmern blau, weil rotes, orangenes, gelbes und grünes Licht im Innern der Eisberge geschluckt wird.  Durch Messungen hat man jedenfalls herausgefunden, dass weißes Licht im Eis einen Weg von ungefähr drei Metern zurücklegen muss, bis fast nur noch blaues Licht herauskommt. Der gleiche Effekt ist auch bei Gletschereis zu beobachten: In Spalten und Höhlen sind die Wände oft tiefblau gefärbt.

Das seltene Grün

Hin und wieder sind auf den Ozeanen sogar grüne Eisberge zu sehen. Ihre Farbe wird vermutlich von Spurensubstanzen hervorgerufen, die aus dem Meerwasser oder aus der Luft in das Eis hinein gelangt sind. Sie können z.B. aus Meeresorganismen bestehen - etwa aus pflanzlichem Plankton. Grün sind nämlich vor allem solche Eisberge, die an ihrer Unterseite Eiszuwachs bekommen und sich später irgendwann umgedreht haben. Durch das Festfrieren von Meerwasser am „Bauch“ eines Eisbergs gelangt organisches Material hinein. Weil dieses Material gelbgrün ist, schimmert dann auch der Eisberg in dieser Farbe.

Im Süden machen wir - nur zu Dritt - eine wunderschöne Bootstour zum Qooroq Gletscher. Die schwimmenden Eisberge verdoppeln sich wieder in ihren eigenen Spiegelbildern. Es knistert und knackt um uns herum, als wir vor dem Gletscher anhalten und einen Martini on glacier ice trinken. Das Boot fährt so später schnell, dass die in der Nacht gefrorene Wasseroberfläche in Form von glitzernden kleinen Eisplättchen in hohen Bogen wegfliegen.

80 % von Grönland ist übrigens von Eis bedeckt. Das sind 1,8 Mill. qkm Fläche, soviel wie Deutschland, Frankreich, Italien und Spanien zusammen. Maximal 3,5 km dick. Und aus diesem Inner Ice entstehen dann unzählige Gletscher, Eis-Seen und -flüsse, Eis-Fjorde - rund um Grönland, der größten Insel der Welt.

 


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